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Alsterdorfer Bürgerverein von 1990 e. V. -

75 Jahre Gartenstadt Alsterdorf

Die Gartenstadt wird „75“




Man schrieb das Jahr 1934. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 mit ihren über 6,1 Mio. Arbeitslosen in Deutschland war inzwischen überstanden. Jetzt gab es „nur“ noch ca. 3,8 Mio. Menschen ohne Arbeit; immer noch zu viele! Ob auch der Bau der Gartenstadt Alsterdorf als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme anzusehen war, sei dahin gestellt; hier gibt es unterschiedliche Ansichten.

Auf jeden Fall gründeten in diesem Jahr zwei Hamburger Kaufleute, die Herren Plass und Peltzer die „Gartenstadt Alsterdorf Verwaltungsgesellschaft mit beschränkter Haftung“, die bis 1956 bestanden hat. Am 22. Dezember 1934 wurde mit der Stadt Hamburg der Vertrag beurkundet, nachdem sich die Gesellschaft verpflichtete, die zwischen Hindenburgstraße, Heilholtkamp, Sengelmannstraße und Hochbahn gelegene Fläche von ca. 112.000 qm bis zum 31. Dezember 1935 mit 225 Einfamilienhäusern bezugsfertig zu bebauen und auf einer Fläche von etwa 17.000 qm die zur Erschließung erforderlichen Straßen anzulegen. Für diese Fläche mussten 4,50 RM je Quadratmeter gezahlt werden.

Außerdem durften keine Großwohnhäuser errichtet werden und auch die Einfamilienhäuser durften nicht mehr als zwei Geschosse erhalten. Ferner war die Errichtung von Fabriken und die Nachbarschaft störenden Geschäftsbetrieben untersagt. Auch der vorhandene Baumbestand, z.B. die Eichen in ihren „Steinmauern“ entlang des Heilholtkamps, war zu erhalten und die Gesellschaft musste die Straßen, Fußwege und Grünanlagen als Privatstraßen erstellen.

Bis die Gesellschaft die Bebauung beschloss, war das Gelände entlang des Heilholtkamps ehemaliges Acker- und Weideland der Alsterdorfer Bauern. Diese hatten das Gelände allerdings bis Mitte der 1920er Jahre an die Stadt verkauft. Lediglich am Ende des Heilholtkamps, kurz vor der Sengelmannstraße, befand sich seit der Jahrhundertwende die Villa von Dr. Leistikow, die später von dem Teehändler Heesch gekauft wurde und seither als „Heesch-Villa“ bekannt ist, und in der sich jetzt eine Kindertagesstätte befindet.

Das übrige Gelände war z.T. zu Kleingärten parzelliert worden. Und auch der SC Sperber hatte hier Ecke Hindenburgstraße / Heilholtamp seinerzeit seinen Sportplatz, der später an seinen heutigen Platz beim Bahnhof Alsterdorf verlegt wurde. Ihm gegenüber waren am Heilholtkamp Anfang des 20. Jahrhunderts einige Wohnhäuser errichtet worden.

Herr Rolf Plass, der Sohn eines der Initiatoren erinnert sich noch an die Probleme, bevor die Bauarbeiten beginnen konnten. Es waren einige Hundert Behördengänge erforderlich, da die Pläne dauernd geändert wurden. Bedingung war, die Grundstücke möglichst klein zu halten (etwa 500 qm), um möglichst vielen Bauwilligen den Erwerb des Grundstücks und den Bau des Eigenheimes zu ermöglichen.

Der Grundstückspreis bei ca. 500 qm Fläche inklusive des Anteils für den Straßenausbau betrug etwa 2.500 RM. Das errichtete Haus kostete zwischen 11.000 und 12.000 RM. Mit diesen Preisen wollte man vor allem Familien des Mittelstandes und Handwerkern Anreize zum Erwerb und Bau eines Hauses geben. Dieses Konzept ging auf, Selbständige, Angestellte und Beamte erwarben Grundstücke und bauten ihre Häuser.

Eine Bewohnerin erinnert sich, dass für 180 RM 180 Zentner Kohlen für die Beheizung im Winter eingekauft wurden. Und das Richtfest konnte für 38 RM ausgerichtet werden. Aber man darf bei diesen Preisen auch nicht vergessen, dass 400 RM zu der Zeit schon ein „fürstliches“ Gehalt waren.

Mit dem Bau waren sechs Architekten beauftragt: die Herren Eggers, Eplinius, Hermann Höger, Holst, Mewes und Schlote. Sie konnten z.T. offensichtlich gleich mehrere Häuser an einer Straße entwickeln und betreuen. Dabei war zwar das Äußere der Häuser vorgegeben, aber die einzelnen Bauherren konnten den Innausbau individuell vornehmen.

Jedenfalls schrieb im Februar 1942 der Architekt Willy Eggers in einem Beitrag für die Monatshefte „Moderne Bauformen“ zum Thema „Hamburger Einfamilienhäuser“ u.a.:

„Einen ganzen Straßenzug einheitlich erstellen zu können, ist für einen Architekten ein Idealfall. … Es lassen sich aus Vergangenheit und Gegenwart manche geglückte Beispiele dafür anführen, wie die Befolgung bestimmter baulicher Vorschriften eine geschlossene Wirkung fördert. Eine solche ist auch in der Gartenstadt Alsterdorf im Straßenzug Rotdornstieg erreicht.“

Diese Straße gehört allerdings zum 2. Bauabschnitt, der zwischen 1936 und 1937 errichtet wurde, was aber an der Aussage von Herrn Eggers nichts ändert. Dieser Bauabschnitt, zu dem die Straßen An der Blütenmauer, Birkenhain und Rotdornstieg gehören, sollte aber nach Erinnerungen eines älteren Bewohners aus dem Frühlingsgarten durch die ebenfalls 1934 gegründete „Siedlungsgesellschaft Heimaterde e.V.“ erschlossen werden.

Da die von den 65 Siedlern für diesen Bauabschnitt gezahlten Einlagen von dem Schatzmeister des Vereins „zweckentfremdet“ wurden und der Verein dadurch „Pleite“ ging, übernahm die „Gartenstadt Alsterdorf Verwaltungs-GmbH“ auch dieses Gelände, auf dem weitere 79 Häuser errichtet wurden, die jedoch z.T. größer als die im 1. Bauabschnitt errichteten und mit ca. 40.000 RM auch teurer waren.



Angeschlossen an das übrige Straßennetz ist die Gartenstadt nur an zwei Stellen. An die Hindenburgstraße über Heilholtkamp als Zufahrt und Floot als Ausfahrt. Bei der Sengelmannstraße bildet der Heilholtkamp die Zu- und Ausfahrt.

Alle Straßen wurden in einem leichten Bogen angelegt, was den Eindruck von „Heckenschluchten“ verhindern sollte. Denn die Bauherren hatten von der Baugesellschaft festgelegte Vorgaben einzuhalten. So waren zur Straße hin Buchenhecken anzupflanzen, die jedoch nicht höher als 1,30 m sein durften.

Auch das Aussehen der Häuser war vorgegeben. So waren alle Häuser unterkellert, so dass das Kellergeschoss ca. 1 m über den Boden hinausragte. Über dem Erdgeschoss war das Spitzdach aufzusetzen, so dass das 1. Geschoss z.T. in der Dachschräge lag. Alle Häuser mussten mit der Giebelseite zur Straße stehen. Die Außenwände waren aus roten Backsteinen und die Dächer aus roten Ziegeln zu erstellen.

Auch wenn dieser äußere einheitliche Eindruck aller Gebäude vorgegeben war, war es den Bauherren überlassen, die Innenaufteilung und Innenausstattung individuell durchzuführen.

Eine weitere Besonderheit der Gartenstadt bildete das „Zentrum“ am Frühlingsgarten. Hier waren mehrere Häuser entgegen den übrigen mit der Traufe zur Straße errichtet worden, denn hier waren für die Bewohner die Einkaufsmöglichkeiten zu finden. Bis auf ein Fischgeschäft waren alle anderen Geschäfte vorhanden. Es durfte je Branche aber nur ein Geschäft vorhanden sein.

Laut dem Adressbuch von 1940 waren dieses: Frühlingsgarten Nr. 18: Julius Hohnsbehn, Schuhreparatur,

Nr. 22: A. Wolters, Kaffeerösterei,

Nr. 24: Hans Marx, Zigarrenhandlung,

Nr. 26: H. Tholen, Brot- und Backwaren,

Nr. 28: J. Hieronymi, Schlachterei,

gegenüber waren zu finden:

Nr. 19: Fr. Löbe, Fahrradhandlung,

Nr. 21: A. Hinz, Blumenhandlung,

Nr. 23: Walter Hinz, Grünwaren,

Nr. 25: Julius Borries; Drogerie,

Nr. 27: W. Ilsemann, Friseurmeister,

Nr. 29: Nikolaus Kröger, Weiß- und Kurzwaren,

Nr. 31: Otto und Emma Gehrken, Kolonialwaren,

Nr. 33: Karl Reimers, Haus- und Küchengeräte.

Man sieht daran, dass bis auf Fisch, Möbel und Bekleidung alles vor Ort in der Gartenstadt zu bekommen war. Leider existiert heute keines dieser Geschäfte mehr. Das Letzte hat vor über zehn Jahren für immer seine Tore geschlossen. Das Einkaufsverhalten der Bewohner hat sich im Laufe der Zeit geändert; ein Phänomen, das wir auch im übrigen Alsterdorf feststellen mussten, wo am Heubergredder und an der Alsterdorfer Straße immer mehr Einzelhandelsgeschäfte in den letzten ca. 20 Jahren aufgegeben haben.

Besonders hervorheben muss man noch eine Besonderheit der Gartenstadt, deren Straßennamen nach Blumen bzw. Bäumen benannt wurden:

Nach Entwürfen des Bildhauers Richard Bauroth, der im Aurikelstieg wohnte, wurden geschnitzte Straßenschilder mit den entsprechenden Motiven, z.B. Tulpen oder Winterling, aufgestellt. Leider sind sie nicht mehr vorhanden, entweder weil sie verrottet sind oder sonst „Liebhaber“ gefunden haben. Einzelne Schilder waren auch noch einmal nachgestaltet worden, aber ein Aufruf einer Bewohnerin der Gartenstadt vor einigen Jahren, diese Besonderheit wieder zum Leben zu erwecken, war leider ergebnislos.

Auch der letzte Krieg ging nicht spurlos an der Gartenstadt vorüber. Die erste Bombe, die in Hamburg auf ein Wohnhaus fiel, traf ein Haus an der Blütenmauer. Dabei kam eine Bewohnerin ums Leben. Bei dem großen Luftangriff auf Hamburg 1943 wurden auch einige Häuser am Rotdornstieg und Rotbuchenstieg sowie die „Heesch-Villa“ vielfach durch Brandbomben getroffen und beschädigt. Sie sind inzwischen zwar alle wieder aufgebaut, aber bei genauem Hinsehen kann man sie noch finden.





Im Laufe der Zeit wurden die Häuser z.T. verändert. Dabei wurden die ursprünglichen Sprossenfenster teilweise durch ganzflächige Fenster ersetzt. Auch erhielten viele Häuser nach hinten in die Gärten hinein Anbauten, um die Wohnflächen zu erhöhen.

1973 wurde das Gebiet der Gartenstadt unter Milieu-Schutz gestellt. Als Folge dieser Unterschutzstellung sind bei späteren Fensterumbauten z.T. sogar wieder die alten Sprossenfenster nachempfunden worden.

Heute ist die Gartenstadt noch immer ein begehrtes Wohnquartier, wenn auch die engen Straßen mit ihren viel zu schmalen Fußwegen inzwischen einen Parkplatz für die vielen Autos der Bewohner bilden.

Auch der gelegentliche Fluglärm über der Gartenstadt landender oder startender Flugzeuge ändert daran nichts. Und für die ertüchtigte Güterumgehungsbahn wurden inzwischen Lärmschutzwände aufgestellt.





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Quellenangabe:
Alster-Dorfzeitung 09.1995: Doris Witt: 60 Jahre Gartenstadt Alsterdorf
Karl-Hein Baus: Kleine Chronik der Gartenstadt Alsterdorf, 1985

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Verfasser: Gerhard Schultz © 2010
Erschienen in der „Alster-Dorfzeitung“ 09/2010
Veröffentlichungen, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verfassers c/o Alsterdorfer Bürgerverein von 1990 e.V. (ABV)

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